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Das Leben in und mit „Deepwater“

„Deepwater“! So habe ich mein Wohnmobil getauft. Sechs Meter Siebzig langer Wohnraum der vom Standard her an den einer Wohnung herankommt. Das ganze auf drei Achsen! GEIL! Sechs Räder zum wechseln… aaarrggh… nicht so geil! 😀 Egal, dafür schluckt das Fahrwerk souverän jeden Bahnübergang und jede Bordsteinkante weg. Da wird nichts via Katapult-Effekt aus den Schränken in den Innenraum geschleudert… Fast nichts…. *räusper*

Aber jetzt mal zur wesentlichen Frage… wie ist das Leben so… ohne Wohnung dafür im Wohnmobil.

Van life

Um es direkt vorweg zu nehmen, es schwankt. Man fühlt sich mal wie der König der Welt und mal wie ein Luxus-Obdachloser der sein „Rollendes Zelt“ (weil Strom leer) mangels Parkplatz nirgendwo hinstellen darf. Den einen Tag macht man die Türe auf und steht mit seinem Morgenkaffee im herrlichsten Wald. Den übernächsten Tag fragt man sich warum man sich eine Übernachtung auf einem Park & Ride Parkplatz antut, während 20 Meter weiter der nächste Güterzug durchrollt. In der Stadt macht es da schon deutlich weniger Spaß mit der rollenden Wohnung. Da wäre so eine  „Pössel Wohndose“ klar von Vorteil. Dafür kann ich meine Arme voll ausstrecken in meinem Wohnzimmer.

Solange man sich in weniger städtischen Bereichen aufhält ist Vanlife ein Traum. Andere gehen zum Spazieren an den See, ich wohne dort die nächsten 48 Stunden. Es gibt einfach keine Art freier zu leben. Und das Schönste… habe ich keine Lust auf Menschen, findet mich auch keiner.

Resümee nach drei Monaten mobilem Leben ohne „Wohn-Haft“

Die ersten 3 Wochen haben sich vor allen dingen durch starke Unsicherheit in allen Bereichen ausgezeichnet. Der Umzug von der Wohnung ins Wohnmobil war tatsächlich noch das Einfachste. Möbel musste ich ja keine mitnehmen, der Rest war in den Schränken und musste nur um geräumt werden. Viele Gegenstände habe ich sowieso nicht. Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen mir nur Sachen anzuschaffen die halten. Dafür habe ich insgesamt einfach deutlich weniger Kram. Mal ehrlich… was braucht man zum Leben. Die Sachen auf die nicht verzichtet werden kann, passen locker in meine Deepwater. Noch besser, aufgrund der sehr kompakten Art zu Wohnen muss du deinen Krempel nichtmals lange suchen. Dafür sollte man sich ein Logisches System für all die Fächer, Klappen und Stauräume anschaffen.

Blick Schlafzimmerfenster
Blick Schlafzimmerfenster

Herje, wie oft ich hier gestanden und die gesamte Klappenfront geöffnet habe weil ich irgendwas gesucht habe. Mein Drucker steht jetzt direkt neben dem Brotkasten und über den Jacken. Ist ungewohnt, aber Ok. Der Ursprüngliche Plan war, ins Heck des Fahrzeugs einen schönen bequemen Schreibtisch zu bauen. Die Sitzgelegenheit in der „Dinette“ (Essecke) ist zwar sehr nett, aber zum konzentrierten Fokussierten arbeiten nicht so richtig 100% geeignet. Mittlerweile mag ich allerdings mein 1,40 m Bett im Heck doch schon sehr und hadere mit den Schreibtischplänen. Am Ende ist es nämlich so, das man ja doch nicht soviel am Schreibtisch sitzt wie man es noch in der Wohnung getan hat.

Gewohnheiten ändern sich

Alles in allem bin ich durch die Zeit in allem sehr viel Ökologischer geworden. Ich habe nun mal einfach eine Akkuladestandanzeige die mir diktiert wie viel Strom ich zum Gebrauch habe. Musik läuft jetzt also hauptsächlich über Smartphone und Bluetooth Box. Die Sozialen Medien lassen sich mit dem Handy auch noch recht bequem checken. Den Rechner brauche ich also nur zum Schreiben, Videos machen und „Chillen“. Die Zeiten zum Chillen im „Autarken Modus“ verbringe ich mittlerweile eher selten am Rechner. Hat etwas meditatives. Fernsehen gucke ich auch nicht. Ich weiß tatsächlich immer noch nicht wie man diese SAT-Schüssel hier in dem Auto aktiviert.

Man könnte meinen dass, das Kochen jetzt mehr wird. Man hat ja jetzt nen Gasherd und mehr Zeit (weil weniger Strom für Rechner). Dabei entwickelt es sich eher so, das ich hier deutlich unkomplizierter Koche. Ich habe halt keine Küchengeräte mehr in der Form (Mixer, Pürierstab, Spülmaschine, Backofen, Wasserkocher). Außerdem muss alles was ich schmutzig mache mit dem begrenzten Wasservorrat gespült werden. Oben drauf kommt noch eine einfach so, von meinem Unterbewussten ablaufenden, Ernährungsumstellung. Ich esse seit ein paar Wochen unbewusst fleischfrei. Ich mag es einfach nicht mehr kaufen, zubereiten und essen. Der Döner neulich war trotzdem noch sehr geil. Ich limitiere mich da nicht, sondern esse Intuitiv. Hatte neulich auch ne zweiwöchige Fischphase… hatte ich noch nie.

Jedenfalls ist der Kühlschrank kleiner und die Töpfe auch.  Alles was aus dem Ofen kommt fällt weg… Dafür gibts häufiger mal Müsli. Wenn ich dafür beim Frühstück diesen Blick habe, ist mir das durchaus recht (und der Darm saniert sich… lecker lecker lecker hmmmm Seitenbach…). Das Wasser für den Kaffee kommt aus dem Flötenkessel (meiner ist eher ein Wimmerkessel) statt aus dem Wasserkocher. Hände Waschen geht auch mit „nur kurz den Wasserhahn aufdrehen“ und wieviel Geschirr man mit einer Pfütze Wasser spülen kann ist schon erstaunlich.

Sich um die „Wohnung kümmern“ ist anders geworden

Lebensmittel einkaufen ist ein Traum. Ich stelle mich mit meiner Wohnung ganz hinten auf den Supermarkt Parkplatz.

Deepwater parkt am Feldweg
Deepwater parkt am Feldweg

Die Einkäufe gehen vom Kühlregal direkt in den Kühlschrank. Insgesamt ist das gesamte „sich um die Wohnung kümmern“ mit Deepwater anders. Ordnung halten fällt so gut wie flach. Da ich nämlich ständig unterwegs bin, muss ich meinen Krempel sowieso ständig wieder verstauen. Da hat man sich ganz schnell „Sachen raus holen“ und anschließend „direkt wieder weg packen“ angewöhnt. Muss man auch, soviel Ablage- Oberflächen gibt es dann doch wieder nicht.

Täglich Wasser filtern und in Flaschen abgefüllt in den Kühlschrank räumen.  (Ich filtere mein Trinkwasser schon länger). Die Aufenthalte so planen das ich möglichst wenig Treibstoff verbrauche aber trotzdem eine „Anlegestelle mit Steckdose“ in erreichbarer Nähe habe. Gerade jetzt im Winter wird die Sache mit dem Strom deutlich Problematischer als erwartet. Ich bin zwar Solar versorgt, allerdings sind die paar Stunden Licht durch Wolkenverhangenen Himmel eher ein schlechter Witz. Mit ein bisschen Glück kommt soviel rein, das ich den Rechner ein paar Stunden ohne Stromverlust betreiben kann.

Sobald es Dunkel wird geht es an den Akku. Zum effizienten Aufladen via Lichtmaschine müsste der Wagen mehrere Stunden am Stück laufen. Die Heizung läuft zwecks Gas sparen zum Teil mit über Strom. Im Sommer braucht es keine Heizung, macht also nichts. Im Winter hat man eine Dauerbelastung die durch die Solaranlage nicht aufgefangen werden kann.

Kann ich mal eben bei dir Duschen?

Wasser gibt es an den entsprechenden Versorgungsstationen oder bei Bekannten und Freunden aus dem Hahn. Mit einer kompletten Ladung Wasser komme ich gut ne Woche hin. Falls ich meine onboard Dusche nutze, etwas weniger. Meist ist aber eine Dusche in erreichbarer nähe zu finden. Am meisten geht tatsächlich für Kochen, Spülen und Trinkwasser drauf. Ich trinke schon seit Jahren fast ausschließlich Wasser.

Das coolste ist Deepwater’s onboard WLAN. Ich habe mir so ein nettes LTE Modem angeschafft. Selbst im Wald habe ich noch genug Empfang um das ein oder andere Youtube Video zu gucken. Sobald ich etwas Urbaner stehe (am Ausflugssee zum Beispiel) geht mein Downstream auch gerne mal auf 5 MB die Sekunde. Der Upstream ist in ähnlichen Spähren unterwegs. So schnell war meine Festnetz Leitung nie. Der Drucker ließ sich ohne Probleme mit ins WLAN einwählen und könnte jetzt auch im Kofferraum stehen. Für das Arbeiten von unterwegs aus bin ich wirklich bestens ausgestattet.

Würde ich wieder zurück wollen?

Nein! Wie sich herausgestellt hat, hat das komplette Abkoppeln vom „normalen“ Leben deutlich weitreichendere Effekte als erwartet.

Blick aus dem Fenster der Essecke.
Blick aus dem Fenster der Essecke.

Ich reflektiere mein Leben nochmal vor komplett anderen Hintergründen und „Dinge“ fallen auf. Es fällt mir deutlich leichter bestimmte Sicherheiten komplett über Board zu werfen, weil man diese als Autark lebender Mensch sowieso niemals haben wird. Mein Glaubenssystem gibt den Weg auf weitere Baustellen frei. Ich wohne jetzt nicht mehr in erreichbarer Nähe meiner Eltern, was wiederum eigentlich „offensichtliche Baustellen“ bis ins Gewahrsein vorrücken lässt.

Der Zeitpunkt ist natürlich wie immer nicht besonders günstig. Ich hatte mich gefreut meine Energie endlich fokussiert auf die Zukunft richten zu können. Da klopft die Vergangenheit nochmal an und will neu betrachtet und bewertet werden. Na gut, sei es drum.

Was muss das muss, denn es ist wie es ist!

Und so krempele ich erneut die Ärmel hoch und kümmere mich um meine traumatische Hausaufgabe. Ich stehe im Wald (diesmal aber mit Wohnung) und miste aus was ausgemistet werden kann. Wie immer alles sehr unangenehm und stressig. Aber dann ist hoffentlich auch endlich mal so langsam gut. Ich werde es sehen. Und wie immer passieren mir dabei unglaubliche Sachen von denen man bisher nur eher selten gehört oder gelesen hat. Neuer Stoff für die Antworten die man wo anders nicht bekommt.

Aktuell entsteht in mir das „System zu Selbstrettung“. Es wird immer ausgefeilter und einfacher in der Anwendung. Ich bringe da gerade in mir etwas zur Welt. Also falls du irgendwann mal durch den Wald läufst und auf dem Parkplatz steht ein dreiachsiges Wohnmobil aus dem Rhythmischer Chill-hop dringt… wahrscheinlich bin ich es, der gerade sein Lieblingsleben feiert.

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